Psychische Gesundheit in der Ausbildung
Neuer Lebensabschnitt, neue Herausforderungen
Für viele Jugendliche und junge Erwachsene erfolgt mit einer (dualen) Ausbildung der erste Schritt in die Arbeitswelt. Plötzlich geht es dabei nicht mehr nur um Schule, Noten und Lernen, sondern auch um Arbeitszeiten, Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Kundschaft, Patientinnen und Patienten, Geld, Verantwortung und berufliche Zukunft. Das kann das Selbstvertrauen stärken: Auszubildende lernen neue Fähigkeiten, übernehmen Verantwortung und erleben, dass sie gebraucht werden.
Gleichzeitig ist diese Übergangsphase anspruchsvoll. Der DGB-Ausbildungsreport 2026 berichtet, dass etwa jede zweite befragte Person psychisch unter Druck steht. Genannt werden als Belastungsfaktoren unter anderem Leistungs- und Zeitdruck, hohe Verantwortung, Personalmangel, Überstunden und Fragen der Ausbildungsqualität. Solche Befragungen zeigen keine medizinischen Diagnosen. Sie machen aber sichtbar, welche Bedingungen Auszubildende selbst als schwierig erleben. Studien beschreiben neben Risikofaktoren auch Bedingungen und Ressourcen, die die psychische Gesundheit unterstützen können.
Diese Seite erklärt, welche Bedingungen während der dualen Ausbildungszeit die psychische Gesundheit beeinflussen, woran psychische Probleme im Ausbildungsalltag auffallen können und welche Unterstützung möglich ist.
Was zeigen Studien zu Auszubildenden?
Die Forschung zu psychischer Gesundheit in der beruflichen Bildung ist weniger umfangreich als die Forschung zu Schule, Studium oder allgemeiner Arbeitswelt. Die vorhandenen Studien zeigen aber, warum Auszubildende genauer betrachtet werden sollten. Sie stehen in einer Lebensphase, in der viele psychische Erkrankungen erstmals auftreten können, und zugleich an der Schnittstelle von Berufsschule, Betrieb und Arbeitswelt.
Während der COVID-19-Pandemie berichteten in einer österreichischen Studie mit 1.442 Auszubildenden 48 Prozent klinisch relevante depressive Symptome, 35 Prozent Angstsymptome und 27 Prozent Schlafprobleme. Bei rund 51 Prozent fanden sich zudem Hinweise auf gestörtes Essverhalten.
Diese Zahlen lassen sich nicht einfach auf den normalen Ausbildungsalltag übertragen, weil die Pandemie eine Ausnahmesituation war. Sie zeigen, dass psychische Belastungen während der Pandemie auch unter Auszubildenden deutlich verbreitet waren.
Der DGB-Ausbildungsreport 2026 ergänzt diese Studien durch aktuelle Befragungsdaten aus Deutschland. Er berichtet, dass etwa die Hälfte der befragten Auszubildenden psychisch unter Druck steht. Häufig genannt werden Leistungs- und Zeitdruck, Personalmangel im Ausbildungsbetrieb, Verantwortungsdruck und regelmäßige Überstunden. Die Daten stellen keine medizinischen Diagnosen dar. Sie zeigen aber, welche Themen Auszubildende selbst als relevant erleben.
Was in der Ausbildung psychisch stärken kann
Eine Ausbildung anzufangen, bedeutet mehr, als sich auf ein (neues) Fach zu konzentrieren. Auszubildende wechseln in eine neue Rolle: Sie sind zwar immer noch Lernende in der Schule, aber auch in einem Betrieb. Dort sind sie noch keine erfahrenen Fachkräfte. Sie müssen Aufgaben, Abläufe, Zuständigkeiten, Hierarchien und Erwartungen verstehen, und das oft in einer Lebensphase, in der sich auch privat vieles verändert.
Untersuchungen zur beruflichen Bildung zeigen: Für psychische Gesundheit sind die Rahmenbedingungen wichtig. In der Forschung werden unter anderem
- soziale Unterstützung
- Autonomie
- Kompetenzentwicklung
- Selbstwert
- Motivation und
- Zugehörigkeit als Aspekte positiver psychischer Gesundheit beschrieben.
Eine Ausbildung muss also nicht „möglichst leicht“ zu bewältigen sein. Auch das Erleben, neue Fähigkeiten zu erwerben und zunehmend selbstständig handeln zu können, kann für Auszubildende eine wichtige Ressource sein.
Warum sind diese Erkenntnisse wichtig?
Für Auszubildende ist diese Forschung wichtig, weil sie ihnen zeigt, dass eventuelle Probleme in der Ausbildung nicht automatisch ein nur persönliches Problem sind. Manchmal fehlen die Bedingungen, die das Lernen und den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern.
Was in der Ausbildung die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann
Ausbildung fällt häufig in eine ohnehin empfindliche Lebensphase. Viele psychische Erkrankungen beginnen im Jugendalter oder im frühen Erwachsenenalter. Gleichzeitig verändert sich mit einer Ausbildung mehr als nur der Lernort. Neben die Berufsschule tritt der Betrieb. Auszubildende müssen also nicht nur weiter lernen, sondern auch mit Arbeitszeiten, Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, praktischer Verantwortung und neuen Erwartungen umgehen.
Warum kann das die Psyche unter Druck setzen? Arbeitstage werden länger, Rückmeldungen sind sehr direkt, Verantwortung wächst und im Betrieb entstehen soziale Erwartungen. Diese neuen Anforderungen sind anspruchsvoll. Auszubildende sind noch nicht ausgebildet, sollen aber schon gute Arbeit leisten. Sie lernen eine Tätigkeit und werden zugleich an ihr gemessen. Dass diese Umstellung am Anfang mit Stress verbunden sein kann, ist normal. Solcher Stress ist gut erforscht; er kann sich körperlich, gedanklich oder im Verhalten zeigen. Manche Menschen schlafen dann schlechter, grübeln viel, sind angespannt oder erschöpft. Andere merken, dass Betrieb, Berufsschule oder bestimmte Aufgaben immer schwerer fallen.
Was die Psyche unter Druck setzt
Ob daraus anhaltende psychische Beschwerden werden, hängt stark von der eigenen Widerstandskraft (Fachleute sagen „Resilienz“), aber auch den Bedingungen im Ausbildungsalltag ab. Die psychologische Forschung zur Arbeitswelt zeigt, dass hohe Arbeitsintensität, ungünstige Arbeitszeiten, geringe Handlungsspielräume, fehlende Pausen, emotionale Anforderungen und konflikthafte soziale Beziehungen für psychische Gesundheit relevant sind. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) beschreibt diese Faktoren in ihrer wissenschaftlichen Standortbestimmung zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt. Für die duale Ausbildung ist zusätzlich relevant, dass der Betrieb nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Lernort ist. Forschung zur betrieblichen Lernbegleitung zeigt, dass unter anderem Anleitung und Unterstützung, Möglichkeiten zum selbstständigen Lernen und die Bedingungen des betrieblichen Lernumfelds für das Lernen am Arbeitsplatz eine Rolle spielen.
Beim Blick auf psychische Gesundheit im Ausbildungsalltag geht es nicht um eine einzelne anstrengende Woche. Kritisch wird es, wenn Zeitdruck, unklare Aufgaben, fehlende Anleitung, wechselnde oder ungünstige Arbeitszeiten, Konflikte, Mobbing oder beschämende Kritik über längere Zeit den Alltag prägen. Auch finanzielle Sorgen und Unsicherheit über die berufliche Zukunft können dazukommen. Der DGB-Ausbildungsreport 2026 berichtet, dass rund jede zweite befragte Person in Ausbildung psychisch unter Druck steht. Häufig genannt werden Leistungs- und Zeitdruck, Personalmangel im Ausbildungsbetrieb und Verantwortungsdruck. Diese Daten sind keine medizinischen Diagnosen, zeigen aber, welche Bedingungen Auszubildende selbst als relevant für psychische Gesundheit erleben.
Warum diese Forschung hilfreich ist
Die Forschung hilft, psychische Beschwerden in der Ausbildung genauer einzuordnen. Sie zeigt, dass nicht nur die einzelne Person Einfluss hat, sondern auch die Bedingungen, unter denen gelernt und gearbeitet wird. Für Auszubildende, Eltern, Berufsschulen und Betriebe wird dadurch klarer, worauf sie achten können. Dazu gehören verständliche Aufgaben, verlässliche Anleitung, faire Rückmeldung, Schutz vor Mobbing und Beschämung, ausreichende Erholung und ein Weg zu Unterstützung, wenn Beschwerden anhalten.
Was ist die BAuA?
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, kurz BAuA, ist eine Forschungseinrichtung des Bundes und Partnerinstitution des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit. Sie untersucht, wie Arbeit sicher und gesund gestaltet werden kann. Ihre Studien und Berichte zu psychischer Gesundheit in der Arbeitswelt zeigen, welche Arbeitsbedingungen mit psychischen Beschwerden zusammenhängen können und welche Faktoren Beschäftigte schützen.
Wenn Auszubildende Vorerkrankungen oder besondere gesundheitliche Voraussetzungen mitbringen
Wenn Auszubildende bereits Vorerkrankungen oder besondere gesundheitliche Voraussetzungen mitbringen, können Anforderungen im Ausbildungsalltag stärker ins Gewicht fallen. Dazu zählen etwa eine psychische Erkrankung, ADHS, eine Autismus-Spektrum-Störung, eine Lernstörung oder eine chronische körperliche Erkrankung.
Die Forschung zu diesen Gruppen in der Ausbildung ist bislang begrenzt. Aus Studien zu psychischen Erkrankungen, Neurodiversität, chronischen Erkrankungen und Arbeitsbedingungen lässt sich jedoch ableiten, dass nicht die Diagnose allein ausschlaggebend ist. Wichtig ist das Zusammenspiel aus persönlichen Voraussetzungen, aktuellen Anforderungen und vorhandener Unterstützung.
So können bei ADHS lange Konzentrationsphasen, häufige Unterbrechungen, unklare Aufgaben oder wenig Struktur den Ausbildungsalltag erschweren. Bei Angststörungen können Bewertungssituationen, Prüfungen, direkter Kontakt mit Kundschaft oder Patient und Konflikte Reaktionen auslösen. Depressive Symptome können Antrieb, Schlaf, Konzentration, soziale Kontakte und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Bei Autismus können Lärm, soziale Unsicherheit, unvorhersehbare Abläufe oder wechselnde Anforderungen besonders anstrengend sein.
Betroffene und ihre Ansprechpersonen im Betrieb sollten in solchen Fällen genauer klären, welche Anforderungen erwünscht und welche Anpassungen möglich sind. Je nach Situation kann auch Beratung, medizinische oder psychotherapeutische Unterstützung nötig sein.
Ob man dabei seine psychischen Vorerkrankungen offenlegt, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Mehr Informationen zu diesem wichtigen Thema finden Sie hier.
Wie sich psychische Probleme bemerkbar machen
Psychische Erkrankungen und Symptome können sich bei Auszubildenden in unterschiedlichen Bereichen des Erlebens und Verhaltens zeigen. Mögliche Anzeichen sind unter anderem
- häufiges Fehlen oder Zuspätkommen,
- sozialer Rückzug
- Veränderungen der Leistungsfähigkeit
- Konzentrationsprobleme
- Schlafstörungen
- anhaltende Müdigkeit oder Erschöpfung,
- Angst,
- Niedergeschlagenheit,
- ausgeprägte Anspannung,
- häufige Konflikte,
- Gedanken an einen Ausbildungsabbruch sowie
- ein neu auftretender oder zunehmender Substanzkonsum.
- Auch körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen können gemeinsam mit psychischen Symptomen auftreten.
Für die Einordnung solcher Anzeichen sind insbesondere Dauer, Häufigkeit, Intensität und funktionelle Beeinträchtigung relevant. Ein einzelnes Symptom erlaubt in der Regel keine Aussage darüber, ob eine psychische Erkrankung vorliegt. Von größerer Bedeutung ist, ob sich das Erleben oder Verhalten gegenüber der bisherigen Situation deutlich verändert hat, ob mehrere Symptome gleichzeitig auftreten und ob dadurch die Ausbildung, der Besuch der Berufsschule, soziale Beziehungen oder andere Bereiche des Alltags beeinträchtigt werden.
Die genannten Anzeichen sind nicht spezifisch für eine bestimmte psychische Erkrankung. Sie können bei unterschiedlichen psychischen Störungen vorkommen, aber auch andere Ursachen haben. Aus einzelnen Symptomen oder Verhaltensänderungen lässt sich daher keine Diagnose ableiten. Entscheidend sind das Zusammenspiel verschiedener Merkmale, deren zeitlicher Verlauf und die Frage, in welchem Ausmaß sie das alltägliche Funktionieren beeinträchtigen. Bei anhaltenden oder deutlich zunehmenden Symptomen kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.
Was Auszubildende, Eltern, Berufsschule und Betrieb tun können
Wenn Auszubildende psychische Beschwerden haben, kann ein Gespräch mit einer vertrauten Person ein möglicher erster Schritt sein. Ansprechpartner können Eltern, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, die Klassenleitung oder Schulsozialarbeit, eine Vertrauensperson im Betrieb, die Jugend- und Auszubildendenvertretung, die zuständige Kammer, die Jugendberufsagentur, eine Hausarztpraxis oder eine Beratungsstelle sein.
Wann ist Hilfe sinnvoll?
Nicht jede schlechte Woche ist ein Hinweis auf eine psychische Erkrankung. Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn Angst, Erschöpfung, Schlafprobleme oder starke Anspannung über längere Zeit bestehen, häufiges Fehlen auftritt oder Betrieb, Berufsschule, soziale Kontakte oder Aufgaben zunehmend vermieden werden. Auch wiederkehrende oder zunehmende psychische Symptome sowie Gedanken an einen Ausbildungsabbruch können Anlass sein, Unterstützung zu suchen.
„Das war schon immer so“
In manchen Ausbildungsbereichen gelten hoher Druck, lange Tage und ein rauer Ton als Teil des Berufs. Nicht jede hohe Anforderung ist problematisch. Ausbildung darf fordern, weil berufliche Standards gelernt werden müssen.
Eine Grenze ist erreicht, wenn der Umgang regelmäßig beschämt, bedroht, ausgrenzt oder klein macht. Dann geht es nicht mehr nur um anspruchsvolles Lernen, sondern um soziale Bedingungen am Arbeitsplatz, die psychische Beschwerden begünstigen können. Die Forschung zur Arbeitswelt zeigt, dass Mobbing, soziale Konflikte und geringe soziale Unterstützung mit psychischen Problemen zusammenhängen können.
Für Auszubildende ist diese Unterscheidung wichtig. Anforderungen und das schrittweise Erlernen anspruchsvoller Aufgaben gehören zu einer Ausbildung. Wiederholte Abwertung kann Lernen erschweren und psychische Beschwerden verstärken. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Beruf „hart“ ist, sondern ob der Ausbildungsort Anforderungen stellt, ohne Beschämung, Mobbing oder Gewalt als normalen Teil der Ausbildung zu behandeln.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Sofortige Hilfe ist nötig, wenn eine akute Gefährdung besteht. Dazu gehören konkrete Suizidgedanken oder Suizidpläne, schwere Selbstverletzung, akute Selbst- oder Fremdgefährdung, Gewalt, Missbrauch oder Situationen, in denen eine Person nicht mehr sicher allein bleiben kann.
Bei unmittelbarer medizinischer Gefahr oder akuter Suizidgefahr gilt: 112. Bei akuter Gewalt oder Gefahr kann auch die Polizei unter 110 eingeschaltet werden. In dringenden psychischen Krisen können außerdem kinder- und jugendpsychiatrische beziehungsweise psychiatrische Notaufnahmen, regionale Krisendienste, der ärztliche Bereitschaftsdienst oder die nächste geeignete Klinik weiterhelfen.
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Letzte Aktualisierung der Inhalte: Oktober 2026