Angehörige: Was man tun kann & Was man lassen sollte

Ob Partner, Eltern, Freunde oder Kinder: Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind indirekt mitbetroffen und stehen vor der Frage, wie sie ihre Lieben am besten unterstützen können, ohne sie und sich selbst zu belasten.

Eine wichtige Grundhaltung ist, dass Angehörige keine Therapeut:innen ersetzen können. Psychische Erkrankungen können gut behandelt werden, und dafür gibt es Spezialisten. Das heißt, Angehörige können unterstützen, sollten aber nicht die Verantwortung für die Erkrankung übernehmen.

  • Angehörige

    „Das Schlimmste ist oft die Hilflosigkeit. Eine psychische Erkrankung bei einer anderen Person kann hilflos machen, weil man häufig nur zusehen kann und nicht so helfen kann, wie man es gerne würde.“

Wie man sich als Angehöriger verhalten sollte, unterscheidet sich je nach Erkrankung. Was bei einer Depression hilfreich ist, kann bei einer Psychose zu kurz greifen oder sogar ungünstig sein. Angehörige sollten deshalb nicht nur allgemein „unterstützend“ sein, sondern sich möglichst auch über die jeweilige Erkrankung informieren. Aktuelle Leitlinien empfehlen Psychoedukation unter Einbezug von Angehörigen; das hat sich als wirksamer erwiesen als mit den Betroffenen allein. Hilfreich sind Wissen über die Erkrankung, eine ruhige und wertschätzende Kommunikation, klare Absprachen für Krisen und der Schutz der eigenen Belastungsgrenzen. Bei allen Erkrankungen gilt, dass Angehörige unterstützen, aber keine Behandlung ersetzen können.

Was Angehörige …

… tun können

Ernst nehmen, ohne das Problem aus der Welt schaffen zu wollen.

Sätze wie „Das klingt gerade sehr schwer für dich“ oder „Ich sehe, dass es dir nicht gut geht“ sind oft hilfreicher als schnelle Lösungen. Zuhören, Nachfragen und Aushalten sind zentrale Formen von Unterstützung.

Über die Erkrankung informieren.

Psychoedukation hilft Betroffenen und Angehörigen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und typische Krisen besser zu verstehen. Sie informiert und unterstützt Patienten und Angehörige, damit sie die Erkrankung besser verstehen und bewältigen können. Studien zeigen zudem, dass Familien-Psychoedukation die Rückfallrate signifikant senken und den Zeitraum bis zu einem Rückfall verlängern kann.

Konkrete Hilfe anbieten.

Nicht nur sagen: „Melde dich, wenn du was brauchst“, sondern konkreter: „Soll ich dich zum Termin begleiten?“, „Soll ich mit dir eine Beratungsstelle suchen?“, „Soll ich heute einkaufen?“ Praktische Unterstützung kann in akuten Belastungsphasen entlastender sein als lange Gespräche.

Zu professioneller Hilfe ermutigen.

Angehörige können motivieren, Termine bei Hausärztinnen, Psychotherapeuten, Psychiaterinnen, Beratungsstellen oder Krisendiensten wahrzunehmen. Wichtig ist zu ermutigen, nicht zu drängen, außer bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung.

Verlässlich bleiben.

Viele psychische Erkrankungen gehen mit Scham, Angst vor Ablehnung oder Rückzug einher. Verlässliche, ruhige Kontaktangebote können stabilisierend wirken: „Ich bleibe ansprechbar, auch wenn du gerade wenig Kraft hast.“ Studien zeigen: Wer sich verlässlich unterstützt fühlt, kommt psychisch besser durch schwierige Phasen – über verschiedene Erkrankungen und Altersgruppen hinweg.

Grenzen setzen.

Unterstützung bedeutet nicht, alles auszuhalten. Angehörige dürfen sagen: „Ich möchte dir helfen, aber ich kann nachts nicht stundenlang telefonieren“ oder „Ich kann dich begleiten, aber ich kann nicht deine Behandlung ersetzen.“ Auch Angehörige brauchen Schlaf, soziale Kontakte, Beratung und Entlastung. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen bietet hierfür spezifische Unterstützung an; auch Selbsthilfegruppen können Entlastung bieten.

Hilfe finden

Selbsthilfegruppen

Krisen vorher besprechen.

In stabileren Phasen kann man gemeinsam klären: Woran wird erkennbar, dass es kritisch wird? Wer darf kontaktiert werden? Welche Klinik, Praxis oder Vertrauensperson ist wichtig? Was hilft, und was hilft nicht?

… lassen sollten

Bagatellisieren.

Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „Anderen geht es schlechter“, „Das ist doch nur eine Phase“ oder „Denk einfach positiv“ wirken oft beschämend und können Rückzug verstärken.

Moralisieren oder Schuld zuschieben

Psychische Erkrankungen sind keine Charakterschwäche. Vorwürfe wie „Du machst uns alles kaputt“ oder „Du willst ja gar nicht gesund werden“ verschärfen häufig Scham, Druck und Konflikte. Zudem werden Sie Psychischen Erkrankungen nicht gerecht.

Zum Therapeuten werden

Angehörige können zuhören und unterstützen, aber sie sollten keine Diagnosen stellen, keine Behandlung steuern und nicht versuchen, die Erkrankung allein „wegzureden“. Das kann beide Seiten überfordern.

Wie können sich Angehörige verhalten, wenn sich die betroffene Person weigert, eine Therapie in Anspruch zu nehmen oder bereits schlechte Erfahrungen mit Therapie gemacht hat?

Diese Situation kann für Angehörige besonders belastend sein, vor allem wenn die betroffene Person noch minderjährig ist oder im gemeinsamen Haushalt lebt. Viele Angehörige erleben dabei ein Gefühl der Hilflosigkeit: Sie sehen, dass Unterstützung benötigt wird, können aber keine Therapie erzwingen. Wichtig ist, die Gründe für die Ablehnung ernst zu nehmen und zunächst über die bisherigen Erfahrungen und Wünsche zu sprechen, statt direkt auf eine Therapie zu drängen. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Sorgen klar und wertschätzend zu kommunizieren. Unterstützung anzubieten. Informationen bereitzustellen und gemeinsam nach passenden Hilfsangeboten zu suchen, kann oft hilfreicher sein als Druck auszuüben. Besteht eine akute Gefährdung der betroffenen Person oder anderer Menschen, sollte umgehend professionelle Hilfe hinzugezogen werden.

Die eigene Belastung kleinreden

Angehörige können selbst erschöpfen, Angst entwickeln oder sich schuldig fühlen. Eigene Beratung, passende Selbsthilfegruppen (z. B. für Eltern psychisch erkrankter Kinder, für Partner) oder Angehörigengespräche sind kein Egoismus, sondern oft Voraussetzung dafür, langfristig hilfreich bleiben zu können.

Alles kontrollieren

Ständiges Nachfragen, Überwachen, Handy kontrollieren oder Druck ausüben kann Vertrauen zerstören. Besser ist eine klare Absprache: Was braucht die betroffene Person an Unterstützung? Was ist für Angehörige machbar?

Übervorsichtig werden

Die Sorge um einen nahestehenden Menschen kann dazu führen, dass Angehörige ihn besonders schützen und ihm möglichst viel abnehmen möchten. Das ist verständlich und gut gemeint. Versuchen Sie dennoch, die Selbstständigkeit der betroffenen Person zu achten. Sprechen Sie offen darüber, welche Unterstützung hilfreich ist, wo Grenzen liegen und was sie selbst entscheiden oder bewältigen möchte. So kann Unterstützung entlasten, ohne als Bevormundung oder Überfürsorge erlebt zu werden.

In endlose Krisendiskussionen einsteigen

In akuten emotionalen Ausnahmezuständen helfen lange Argumentationen oft wenig. Besser: beruhigen, Sicherheit herstellen, auf den nächsten kleinen Schritt fokussieren, wie trinken, atmen, hinsetzen, jemanden anrufen, professionelle Hilfe holen.

Gefährliche Aussagen ignorieren

Suizidgedanken, konkrete Pläne, Selbstverletzung, psychotische Symptome, starke Enthemmung oder Drohungen sollten immer ernst genommen werden. Direktes Nachfragen nach Suizidgedanken ist nicht „gefährlich“, sondern kann entlasten und Klarheit schaffen. Bei akuter Gefahr: 112 oder den psychiatrischen Krisendienst beziehungsweise die nächste Notaufnahme kontaktieren.

Hilfe finden

Wenn Kinder und Jugendliche psychisch erkranken

Eltern und andere Sorgeberechtigte tragen Verantwortung für das Wohlergehen ihres Kindes. Zugleich entwickeln Kinder und Jugendliche mit zunehmendem Alter ein immer stärkeres Recht darauf, mitzuentscheiden. Das kann Angehörige vor schwierige Fragen stellen. Wie viel Unterstützung ist hilfreich? Wann wird Fürsorge zu Kontrolle? Und wann müssen Eltern auch gegen den Wunsch ihres Kindes handeln? Einfache Antworten gibt es darauf oft nicht. Die folgenden Hinweise können bei der Orientierung helfen.

Was Eltern und Sorgeberechtigte …

… tun können

Veränderungen aufmerksam beobachten.

Stimmungsschwankungen, Rückzug oder Konflikte können zur Pubertät gehören. Wenn Veränderungen jedoch stark ausgeprägt sind, länger anhalten oder Schule, Freundschaften und Familienleben deutlich beeinträchtigen, sollte fachlicher Rat eingeholt werden.

Das Gespräch suchen und zunächst zuhören.

Fragen Sie, wie Ihr Kind die Situation erlebt und welche Unterstützung es sich wünscht. Beziehen Sie es seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechend in Entscheidungen ein.

Unterstützung anbieten, ohne alles abzunehmen.

Fragen Sie konkret, was gerade hilft. Das kann die Begleitung zu einem Termin sein, Unterstützung bei der Suche nach einem Therapieplatz oder Hilfe dabei, den Alltag zu strukturieren.

Unsicherheiten offen mit Fachleuten besprechen.

Lassen Sie sich erklären, wie eine Diagnose zustande gekommen ist, welche anderen Ursachen geprüft wurden und welche Behandlung empfohlen wird. Bleiben Zweifel bestehen, kann eine fachärztliche oder psychotherapeutische Zweitmeinung sinnvoll sein.

Warnzeichen ernst nehmen und im Zweifel Hilfe holen.

Bei Suizidgedanken, konkreten Suizidplänen, schwerer Selbstverletzung, psychotischen Symptomen oder einer akuten Gefahr für das Kind oder andere ist rasches Handeln wichtiger als die Sorge vor einem möglichen Vertrauensverlust. Wenden Sie sich an den Rettungsdienst unter 112, eine psychiatrische Notaufnahme oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.

… besser lassen sollten

Auffälligkeiten vorschnell als „typisch Pubertät“ abtun.

Angehörige müssen selbst keine Diagnose stellen. Sie sollten aber ernst nehmen, wenn sich Verhalten, Stimmung oder Alltag deutlich verändern.

Über den Kopf des Kindes hinweg entscheiden, wenn keine akute Gefahr besteht.

Heimliche Absprachen, Drohungen oder ständige Kontrolle können das Vertrauen belasten und dazu führen, dass sich das Kind weiter zurückzieht.

Aus Sorge jede Schwierigkeit vom Kind fernhalten.

Überfürsorge kann die Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schwächen. Unterstützung sollte möglichst gemeinsam vereinbart und regelmäßig neu angepasst werden.

Eine Diagnose ungeprüft übernehmen oder vorschnell verwerfen.

Das eigene Bauchgefühl kann ein Anlass sein, genauer nachzufragen. Es ersetzt aber keine fachliche Beurteilung. Wenn Ihre Sorgen trotz der bisherigen Abklärung bestehen, sprechen Sie Ihre Beobachtungen offen an und bitten Sie darum, die Diagnose und mögliche Alternativen noch einmal zu erläutern. Bleiben begründete Zweifel, können Sie eine fachliche Zweitmeinung einholen.

Als weiterführende, unabhängige Anlaufstelle eignet sich unter anderem der Elternratgeber Psychotherapie der Bundespsychotherapeutenkammer.

Allein entscheiden, ob eine stationäre Aufnahme oder Unterbringung erforderlich ist.

Eine Behandlung gegen den Willen des Kindes ist an enge medizinische und rechtliche Voraussetzungen gebunden. Die Beurteilung gehört in die Hände der dafür zuständigen Fachleute.

Medikamente eigenmächtig beginnen, absetzen oder in der Dosis verändern.

Veränderungen sollten immer mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden. Das gilt besonders für das schrittweise Absetzen.

Wie stark Eltern in Entscheidungen eingreifen müssen oder dürfen, hängt unter anderem vom Alter, vom Entwicklungsstand und von der konkreten Gefährdung ab. Auch Minderjährige sollen verständlich informiert und ihrem Entwicklungsstand entsprechend an Entscheidungen beteiligt werden. Je akuter eine Gefahr ist, desto stärker kann die Schutzverantwortung der Sorgeberechtigten in den Vordergrund treten. Außerhalb akuter Krisen sollte Unterstützung möglichst gemeinsam besprochen werden und die Selbstständigkeit des Kindes stärken.

Quellen

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Gühne, U., Weinmann, S., Riedel-Heller, S. G., & Becker, T. (Hrsg.). (2019). S3-Leitlinie psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen: S3-Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie (2. Aufl.). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-58284-8 Springer Nature Link

National Institute for Health and Care Excellence. (2020). Supporting adult carers (NICE Guideline NG150). https://www.nice.org.uk/guidance/ng150 NICE

Die genannten Herausgeber:innen der psychosozialen Leitlinie gehören zur Ausgabe von 2019. Deshalb ist diese hier aufgeführt. Der angegebene AWMF-Link verweist inzwischen auf die aktualisierte Fassung von 2025. Springer Nature Link

Letzte Aktualisierung der Inhalte: Oktober 2026