Mehere Personen ditezn in einem hellen Raum auf Stühlen in einem Gesprächskreis

Selbsthilfegruppen bei psychischen Erkrankungen

Was sind Selbsthilfegruppen?

Mit einer psychischen Erkrankung fühlen sich viele Menschen allein – zumindest zeitweise. Oft fehlt der Austausch mit anderen, die ähnliche Erfahrungen kennen und nicht alles erklärt bekommen müssen. Mit ihnen kann man als Betroffene:r oder Angehörige:r sprechen, ohne beurteilt zu werden.

Selbsthilfegruppen setzen genau hier an. Sie bringen Menschen zusammen, die von einer ähnlichen Erkrankung oder Lebenssituation betroffen sind. Auch Angehörige können sich in eigenen Gruppen austauschen.

Im Mittelpunkt stehen eigene Erfahrungen, gegenseitige Unterstützung und die Frage, was im Alltag helfen kann. Das unterscheidet Selbsthilfegruppen von Psychotherapie, ärztlicher Behandlung oder professioneller Beratung. Die Teilnehmenden begegnen sich nicht als Fachleute und Patientinnen oder Patienten, sondern als Menschen mit eigenem Erfahrungswissen.

Bei psychischen Erkrankungen kann der gegenseitige Austausch besonders wichtig sein. Viele Betroffene erleben nicht nur Symptome, sondern auch Scham, Rückzug oder die Sorge, von anderen nicht verstanden zu werden.

In einer Selbsthilfegruppe kann deutlich werden: Andere kennen vielleicht ähnliche Ängste, Unsicherheiten, Konflikte in Familie oder Beruf oder den schwierigen Umgang mit Vorurteilen.

Selbsthilfegruppen können sich persönlich vor Ort treffen, digital arbeiten oder beide Formen verbinden. Als freiwillige und meist selbstorganisierte Form gegenseitiger Unterstützung sind sie seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe in Deutschland.

  • Angehörige

    „Selbsthilfegruppen sind geschützte Räume, in denen ich mich ohne Worte verstanden fühle“

  • Betroffener

    „In der Selbsthilfegruppe kann ich frei über die Symptome meiner Krankheit erzählen, ohne Angst zu haben, von anderen verurteilt zu werden“

Was können Selbsthilfegruppen leisten?

Selbsthilfegruppen können soziale Unterstützung bieten und das Gefühl verringern, mit einer psychischen Erkrankung allein zu sein. Der Austausch kann Orientierung geben, weil verschiedene Wege sichtbar werden, mit Symptomen, Beeinträchtigungen, Behandlung, Rückfällen, Alltag und Stigmatisierung umzugehen. Dabei geht es nicht darum, dass andere Betroffene fertige Lösungen vorgeben. Unterschiedliche Erfahrungen können helfen, einen eigenen Weg zu finden.

Erfahrungswissen spielt dabei eine wichtige Rolle. Es entsteht aus dem eigenen Leben mit einer psychischen Erkrankung und unterscheidet sich von professionellem Fachwissen. Gerade diese andere Perspektive kann hilfreich sein. Wer hört, wie andere mit Scham, Unsicherheit oder Rückfällen umgehen, kann sich weniger ausgeliefert fühlen.

Forschung zu Selbsthilfe, Peer-Unterstützung und Genesungsbegleitung weist vor allem auf mögliche Vorteile für soziale Einbindung, Selbstwirksamkeit, Empowerment und persönliche Genesung hin. Die Forschung spricht hier häufig von psychosozialen und recovery-bezogenen Vorteilen. Gemeint sind zum Beispiel Hoffnung, Teilhabe, Selbstbestimmung, Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die Fähigkeit, mit der Erkrankung im Alltag einen eigenen Weg zu finden.

Profi

„Ich wünsche mir, dass Selbsthilfe als Unterstützungsmöglichkeit von Anfang an selbstverständlich mitgedacht wird.“

Wie wirken Selbsthilfegruppen und was zeigt die Forschung?

Bei der Wirkung von Selbsthilfegruppen spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ein zentraler Punkt ist Zugehörigkeit. Wer anderen begegnet, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, erlebt die eigene Erkrankung oft weniger als Ausnahme oder außergewöhnliches Unglück. Das kann Einsamkeit verringern und Selbststigma entgegenwirken.

  • Angehörige

    „Selbsthilfegruppen können innere Leere möblieren“

  • Angehörige

    „Mit anderen eine Geschichte zu teilen, weckt Verständnis und Mitgefühl. Das gibt Struktur und Orientierung“

  • Angehörige

    „Durch geteiltes Erleben lerne ich meine Verzweiflung in Worte zu fassen und mit Krisen umzugehen. Das nimmt Druck, gibt Hoffnung und zeigt neue Perspektive“

Hinzu kommt der Austausch von Erfahrungswissen. Teilnehmende berichten, wie sie mit Rückschlägen umgehen, Unterstützung suchen, ihren Alltag gestalten oder Grenzen setzen. Solche Berichte können neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen. In der Psychologie wird das „Modelllernen“ genannt: Menschen lernen nicht nur aus eigenen Erfahrungen, sondern auch daraus, wie andere vergleichbare Situationen bewältigen.

Auch die eigene Rolle in der Gruppe kann wichtig sein. Wer nicht nur Unterstützung bekommt, sondern selbst etwas beitragen kann, erlebt die eigene Erfahrung als bedeutsam. Das kann Selbstwirksamkeit stärken. Forschung zu Stigma und Offenlegung zeigt außerdem, wie wichtig es für viele Betroffene ist, selbst entscheiden zu können, wann, wem und wie sie von einer psychischen Erkrankung erzählen. Selbsthilfe kann solche Entscheidungen nicht abnehmen, aber sie kann einen geschützten Raum bieten, um Erfahrungen mit Offenheit, Schweigen, Scham oder Diskriminierung zu besprechen.

  • Angehörige

    „Selbsthilfegruppen sind ein sicherer Ort, an dem ich mein Tempo bestimmen kann“

  • Betroffener

    „Das Wichtigste für mich in meinen Selbsthilfegruppen ist der Austausch von Erfahrungen und die gegenseitige Unterstützung“

  • Betroffener

    „Mein regelmäßiger Besuch in der Selbsthilfegruppe hat mir dabei geholfen, mich zu stabilisieren“

Die wissenschaftliche Bewertung der Wirksamkeit bleibt anspruchsvoll. Selbsthilfegruppen unterscheiden sich stark darin, wer teilnimmt, wie sie organisiert sind und wie häufig sie sich treffen. Aber Übersichtsarbeiten finden insgesamt Hinweise auf positive Wirkungen, besonders bei sozialer Einbindung, Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Empowerment und persönlicher Genesung. Weniger eindeutig ist, ob Selbsthilfegruppen psychische Symptome direkt verringern.

  • Betroffener

    „Bisher ist nicht ausreichend bewiesen, dass Selbsthilfe wirkt. Ich wünsche mir mehr Forschung dazu.“

  • Betroffener

    „Als Genesungsbegleiter habe ich einen klaren Unterstützungsauftrag. Ich teile meine persönlichen Erfahrungen, um anderen in der Krise zu helfen. In der Selbsthilfegruppe kann sowohl unterstützen wie auch unterstützt werden.“

Wo liegen Grenzen und wie ergänzt Selbsthilfe professionelle Versorgung?

Selbsthilfegruppen können hilfreich sein, passen aber nicht für jede Person und nicht zu jedem Zeitpunkt. Manche Menschen erleben eine Gruppe als entlastend. Andere fühlen sich dort unwohl oder möchten persönliche Erfahrungen lieber im Einzelgespräch besprechen. Auch innerhalb einer Gruppe können Erwartungen, Kommunikationsstile und Erfahrungen so unterschiedlich sein, dass eine Teilnahme nicht gut passt.

Eine weitere Grenze liegt darin, dass in Selbsthilfegruppen vor allem Erfahrungswissen geteilt wird. Dieses Wissen kann wertvoll sein, ersetzt aber keine fachliche Diagnose, Behandlungsempfehlung oder Therapie, denn Selbsthilfegruppen und professionelle Behandlung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Beides kann sich ergänzen.

Wie finde ich eine Selbsthilfegruppe?

In Deutschland gibt es Selbsthilfegruppen zu vielen psychischen Erkrankungen, für Angehörige und für Menschen in bestimmten Lebenssituationen. Manche Gruppen treffen sich vor Ort, andere digital oder überregional. Ein guter erster Schritt sind Selbsthilfekontaktstellen. Sie kennen Gruppen in der Region, informieren über passende Angebote und unterstützen auch Menschen, die selbst eine Gruppe gründen möchten.

  • Angehörige

    „Das Leben ist schön, ob gesund oder krank, wenn man nicht alleine ist“

  • Betroffener

    „Ich besuche meine Selbsthilfegruppe auch dann regelmäßig, wenn es mir gut geht. Das gibt mir Halt und ermöglicht es mir, andere zu ermutigen.“

Bundesweit informiert die NAKOS, die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen, über Strukturen und Suchmöglichkeiten der Selbsthilfe. Auch Krankenkassen, Kliniken, Beratungsstellen, psychosoziale Dienste und kommunale Gesundheitsangebote können Hinweise auf Gruppen geben.

Gesundheitsbezogene Selbsthilfe ist in Deutschland selbstorganisiert und zivilgesellschaftlich getragen. Zugleich ist sie im Gesundheitswesen anerkannt und wird unter anderem durch die gesetzliche Krankenversicherung gefördert. Ihr eigenständiger Charakter bleibt dabei wichtig. Selbsthilfe ist nicht einfach ein weiteres professionelles Angebot, sondern ein Raum, den Betroffene und Angehörige selbst gestalten.

EMPOWER: Wie gelingt Selbsthilfe?

Selbsthilfegruppen sind ein zentraler Bestandteil gelingender Genesung (Recovery) und bieten niedrigschwellige Unterstützung. Allerdings fehlt es bislang an belastbarer Evidenz zu ihrer Wirksamkeit sowie zu Gelingens- und Hinderungsfaktoren von Selbsthilfegruppen – insbesondere für vulnerable Gruppen wie Menschen mit Migrationserfahrung oder schweren psychischen Erkrankungen. Dies erschwert ihre systematische Integration von Selbsthilfegruppen in die Regelversorgung.

Das Forschungsprojekt EMPOWER zielt darauf ab, zentrale Evidenzlücken zu schließen. Der Trialogische Zentrumsrat des DZPG hat das Projekt initiiert und leitet dessen Umsetzung. Im Fokus stehen die Wirksamkeit und Erfolgsfaktoren von Selbsthilfegruppen für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, Personen mit Migrationserfahrungen sowie Angehörige.

Mit anderen Betroffenen gegen Stigma

Prof. Dr. Nicolas Rüsch vom DZPG-Standort Mannheim-Heidelberg-Ulm erforscht seit vielen Jahren die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und Möglichkeiten ihrer Überwindung. Im Zentrum steht dabei unter anderem die Frage, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Selbststigma, Diskriminierung und der Entscheidung über den Umgang mit der eigenen Erkrankung umgehen können.

Ein Beispiel ist das von Rüsch und Kolleg:innen entwickelte Gruppenprogramm „In Würde zu sich stehen“ (IWS). In peer-geleiteten Gruppen setzen sich Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Stigma auseinander und entwickeln Strategien, um selbstbestimmt mit der eigenen Erkrankung umzugehen, insbesondere mit der Frage, ob, wem und wie sie ihre Erkrankung offenlegen möchten.

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde et al. S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen. Version 3.0. AWMF-Registernummer 038-020. 2025.

Dierks M-L, Seidel G, Hornberg C, Hrsg. Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland. Entwicklungen, Wirkungen, Perspektiven. SHILD. 2017.

NAKOS. Selbsthilfe im Überblick. Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen.

Bundesministerium für Gesundheit. Selbsthilfe und Selbsthilfeförderung.

Pistrang N, Barker C, Humphreys K. Mutual help groups for mental health problems. A review of effectiveness studies. American Journal of Community Psychology. 2008;42:110–121. doi:10.1007/s10464-008-9181-0.

Smit D, Miguel C, Vrijsen JN, Groeneweg B, Spijker J, Cuijpers P. The effectiveness of peer support for individuals with mental illness. Systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine. 2023;53(11):5332–5341. doi:10.1017/S0033291722002422.

Walde P, Völlm B. Effekte von Genesungsbegleitung in der psychiatrischen Versorgung. Ein systematischer Review of Reviews. Psychiatrische Praxis. 2025;52(2):70–79. doi:10.1055/a-2490-6896.

Mahlke C, Schulz G, Sielaff G, Nixdorf R, Bock T. Peer-Begleitung für Erfahrene schwerer und langfristiger psychischer Störungen und Angehörige. Hintergrund, Konzept und Baseline-Daten. Psychiatrische Praxis. 2015;42(S 01):S25–S29. doi:10.1055/s-0034-1387668.

Mahlke C, Krämer U, Kilian R, Becker T. Bedeutung und Wirksamkeit von Peer-Arbeit in der psychiatrischen Versorgung. Übersicht des internationalen Forschungsstandes. Nervenheilkunde. 2015;34(4):235–239. doi:10.1055/s-0038-1627580.

Bock T, Mahlke C, Schulz G, Sielaff G. Eigensinn und Psychose, Peer-Beratung und Psychotherapie. Psychotherapeut. 2013;58:364–370. doi:10.1007/s00278-013-0995-3.

Girit S, Müller-Stierlin AS, Hiltensperger R, Wenzel L, Lohner M, Mahlke C, Nixdorf R, Puschner B. Successful Implementation of Peer Support for People with Severe Mental Illness in Germany. A Theory of Change Approach. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie. 2023;73(1):70–77. doi:10.1055/a-1827-4040.

Rüsch N, Angermeyer MC, Corrigan PW. Mental illness stigma. Concepts, consequences, and initiatives to reduce stigma. European Psychiatry. 2005;20(8):529–539. doi:10.1016/j.eurpsy.2005.04.004.

Rüsch N, Kösters M. Honest, Open, Proud to support disclosure decisions and to decrease stigma’s impact among people with mental illness. Conceptual review and meta-analysis of program efficacy. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology. 2021;56(9):1513–1526. doi:10.1007/s00127-021-02076-y.

Letzte Aktualisierung der Inhalte: Oktober 2026