Junge Frau spricht mit anderen Personen, die an einem Tisch sitzen

Offenlegung

Offen damit umgehen oder verschweigen? – Über den Umgang mit einer psychischen Diagnose

Offen damit umgehen oder verschweigen?
Eine psychische Störung oder Erkrankung ist in den meisten Fällen nicht von außen erkennbar. Damit müssen sich Betroffene einer Wahl stellen, die Menschen mit vielen körperlichen Erkrankungen in dieser Form nicht haben: Sollen andere davon erfahren? In der Familie, Freundinnen und Freunde, Menschen am Arbeitsplatz oder in der Schule? Und wenn ja, wer soll was wissen?

Darauf gibt es keine allgemein richtige Antwort. Eine psychische Erkrankung offenzulegen, kann Unterstützung möglich machen und daneben den Druck verringern, etwas verbergen zu müssen. Die Offenlegung kann aber auch dazu führen, dass Menschen Vorurteile erleben, ihnen weniger zugetraut wird und persönliche Informationen weitergegeben werden.

Die Forschung zeigt dazu ein differenziertes Bild. Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass Offenheit und Geheimhaltung keine 100-Prozent-Lösungen sein müssen. Als Betroffene:r kann man einigen Personen von einer Diagnose erzählen und sie bei anderen für sich behalten. Man kann die ganze Diagnose nennen oder nur über Beschwerden und Unterstützungsbedarf sprechen. 

Diese Seite verrät, was die Forschung über diese Abwägung schon herausgefunden hat und wie man selbst zu einer Entscheidung darüber gelangen kann.

Warum Offenlegung eine schwierige Entscheidung sein kann

Bei einer psychischen Erkrankung geht es nicht allein darum, eine sachliche gesundheitliche Information weiterzugeben. Die Entscheidung fällt heute in einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen nach wie vor mit Vorurteilen verbunden sind.

Diese „Stigmatisierung“ kann verschiedene Formen annehmen. Menschen mit einer psychischen Erkrankung können abgewertet oder benachteiligt werden. Sie können aber auch erwarten, dass dies geschehen wird, und deshalb vorsorglich Situationen meiden, in denen ihre Erkrankung bekannt werden könnte. Und sie können gesellschaftliche Vorurteile verinnerlichen und auf sich selbst übertragen. Forschende sprechen dann von Selbststigma. Scham, ein geringeres Selbstwertgefühl oder der Rückzug aus sozialen Beziehungen können die Folge sein. Die Forschung zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen Selbststigma, Krankheitsschwere, wahrgenommenem gesellschaftlichem Stigma und Wohlbefinden.

Für die Entscheidung über eine Offenlegung ist besonders die erwartete Diskriminierung wichtig. Eine Untersuchung zeigte: Je stärker die Teilnehmenden damit rechneten, diskriminiert zu werden, desto unwohler fühlten sie sich mit dem Gedanken, Familie oder Freunden von ihrer Erkrankung zu erzählen. Eine größere Bereitschaft zur Offenlegung hing aber mit einem höheren Wohlbefinden zusammen.

Damit geraten Betroffene in einen schwierigen Zielkonflikt. Wer die Diagnose für sich behält, kann sich vor Vorurteilen, Zurückweisung oder Benachteiligung schützen. Gleichzeitig kann die Geheimhaltung bedeuten, vermeintliche Schwächen erklären zu müssen, Unterstützung nicht in Anspruch nehmen zu können oder ständig darauf zu achten, dass andere nichts von der Erkrankung erfahren.

Wer sich dagegen öffnet, gibt einen Teil dieser Kontrolle auf. Das kann entlasten und Unterstützung ermöglichen, birgt aber das Risiko, dass andere negativ reagieren oder die Information weitertragen.

Beide Wege können also Vorteile und Nachteile haben. 

Was für Offenheit spricht und was dagegen

Was für Offenheit sprechen kann

Eine Offenlegung kann anderen erst ermöglichen, die Situation eines Menschen zu verstehen. Angehörige oder Freund:innen können Unterstützung anbieten. Am Arbeitsplatz oder in Ausbildung und Studium können Hilfen leichter besprochen werden. Manche Betroffene erleben es zudem als Entlastung, Symptome, Behandlungen oder Phasen des Rückzugs nicht mehr verbergen zu müssen.

Hinzu kommt ein möglicher Effekt auf das eigene Verhältnis zur Erkrankung. Wer sich nicht mehr gezwungen sieht, einen Teil seiner Lebensgeschichte grundsätzlich geheim zu halten, kann dies als selbstbestimmt erleben. Genau an dieser Stelle setzen Interventionen zur Bewältigung von Selbststigma an.

Was gegen Offenheit sprechen kann

Es gibt auch Risiken, denn Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen kommen tatsächlich vor. Nach einer Offenlegung können andere auf Distanz gehen, die Leistungsfähigkeit eines Menschen infrage stellen oder normales Verhalten plötzlich durch die Diagnose erklären.

Eine weitere mögliche Folge besteht im Kontrollverlust. Wer einer Person von einer Diagnose erzählt, kann nicht immer sicherstellen, dass die Information dort bleibt. Gerade am Arbeitsplatz, in der Schule oder in größeren sozialen Gruppen kann das erhebliche Bedeutung haben.

Auch gut gemeinte Reaktionen können die Psyche belasten. Wenn Menschen nach Bekanntwerden einer Diagnose weniger zugetraut wird oder andere Entscheidungen für sie treffen wollen, kann Unterstützung in Bevormundung umschlagen. Das nennt man im Englischen treffend „benevolence stigma“, also Stigma, das durch Wohlwollen entsteht.

Geheimhaltung kann schützen und zugleich belasten

Wer seine psychische Erkrankung dauerhaft geheim hält, berichtet in Studien häufiger über depressive Beschwerden, ein geringeres Wohlbefinden und eine niedrigere Lebensqualität. Bei Menschen, die offen über ihre Erkrankung sprechen, ist das Bild allerdings nicht genau gegengleich. Es ist weniger eindeutig. Ob die Offenlegung eher hilft oder belastet, hängt offensichtlich stark davon ab, wem man davon erzählt und wie das Umfeld reagiert.

Die meisten Untersuchungen, die das zeigen, waren Beobachtungsstudien, das heißt: Ursache und Wirkung sind keinesfalls eindeutig klar. Es ist beispielsweise möglich, dass Menschen mit höherem Wohlbefinden eher bereit sind, offen über ihre Erkrankung zu sprechen. Ebenso können unterstützende soziale Beziehungen sowohl eine Offenlegung wahrscheinlicher machen als auch unabhängig davon das Wohlbefinden verbessern.

Ein wichtiger Befund ist deshalb ein anderer. Offenlegung und Geheimhaltung schließen sich nicht aus. Menschen können gleichzeitig offen und zurückhaltend sein, je nachdem, um welche Person und welchen Lebensbereich es geht. „Selektive Offenlegung“ war in den Studien eine häufig genannte Strategie.

Das verschiebt die Frage. Sie lautet nicht nur „Erzähle ich es oder nicht?“, sondern „Wem erzähle ich was und unter welchen Umständen?“.

Betroffenen-Perspektive

"Ich finde in diesem Zusammenhang Selbsthilfegruppen sehr hilfreich. Dort können Betroffene erstmal sich selber und die Symptome besser verstehen und lernen, mit ihnen umzugehen.

Auch können sie im Rahmen einer Selbsthilfegruppe in geschützter Umgebung offen über ihre Sorgen und Nöte sprechen und eventuell sogar lernen, wie sie das Thema außerhalb der Gruppe Ansprechen. Insbesondere bei Eltern dauert es oft Jahre zu akzeptieren, dass sich das Leben anders entwickelt als sie sich das vorstellen. Meiner Erfahrung nach sind viele durch die Erfahrung der Selbshilfe eher bereit, offen damit umzugehen."

Familie, Freundschaften und Partnerschaft

Im privaten Umfeld scheint Offenheit zunächst weniger riskant als beispielsweise am Arbeitsplatz. Familie, Partner und enge Freunde gehören häufig zu den wichtigsten Quellen sozialer Unterstützung. Gleichzeitig sind negative Reaktionen gerade in engen Beziehungen besonders folgenreich.

Die Forschung zeigt, dass die Bereitschaft, sich Familie und Freunden anzuvertrauen, eng mit der erwarteten Reaktion zusammenhängt. Wer Diskriminierung erwartet, fühlt sich mit einer Offenlegung weniger wohl.

Familien sind keineswegs automatisch ein stigmafreier Raum. Eine Übersichtsstudie von Forschungsarbeiten aus Ländern mit hohem Einkommen untersuchte Erfahrungen mit Stigmatisierung durch Familienangehörige und nahe Verwandte. Betroffene berichteten unter anderem von sozialer Distanzierung und weiteren Formen der Abwertung.

Andererseits können Familien einen wichtigen Schutzraum bilden und Unterstützung ermöglichen. Die vorhandene Forschung zu familiärer Stigmatisierung ist allerdings deutlich kleiner als die Forschung zu gesellschaftlichem Stigma insgesamt.

Ähnlich ambivalent ist die Situation in Freundschaften und Partnerschaften. Durch Offenheit können sich Mitmenschen erklären, warum jemand sich verändert hat, Unterstützung benötigt oder bestimmte Situationen meidet. Die gleiche Information kann Beziehungen aber auch ins Negative verändern, wenn andere aufgrund der Diagnose neue Erwartungen entwickeln oder sich zurückziehen.

Zwei Frauen umarmen sich herzlich und lachend in der Natur

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich deshalb nicht sagen, dass Partner oder enge Angehörige grundsätzlich informiert werden sollten. 

Das Konzept der selektiven Offenlegung trägt dieser Realität Rechnung. Eine Person kann zum Beispiel mit der Partnerin offen über Diagnose und Behandlung sprechen, engen Freunden nur von einer psychischen Belastung erzählen und gegenüber weiteren Bekannten nichts mitteilen. Der Forschungsstand spricht dafür, solche Entscheidungen situationsbezogen zu treffen.

Spotlight Forschung

Selbst entscheiden, wer etwas erfahren soll

Prof. Dr. med. Nicolas Rüsch vom DZPG-Standort Mannheim-Heidelberg-Ulm erforscht seit vielen Jahren, wie Stigmatisierung Menschen mit psychischen Erkrankungen beeinflusst und wie sie mit der schwierigen Entscheidung über eine Offenlegung umgehen können. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Programm „In Würde zu sich stehen“, international als Honest, Open, Proud bezeichnet. Es wurde ursprünglich in den USA entwickelt und für Deutschland angepasst.

Das Programm ist diagnoseübergreifend angelegt. Fragen zur Offenlegung können sich unabhängig von einer bestimmten Diagnose stellen, zum Beispiel nach einem Psychiatrieaufenthalt. Geleitet wird es von geschulten Peers, also von Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Erkrankung. Das Programm soll ausdrücklich nicht dazu bewegen, die eigene Erkrankung offenzulegen. Es unterstützt die Teilnehmenden dabei, Vor- und Nachteile abzuwägen und für unterschiedliche Lebensbereiche eigene Entscheidungen zu treffen. Im geschützten Rahmen der Gruppe können sie außerdem mithilfe des IWS-Arbeitsbuchs üben, wie sie ihre eigene Geschichte erzählen möchten. Das Programm wird nicht kommerziell angeboten und durch Schulungen und Qualitätskontrollen begleitet.

Prof. Rüsch untersucht diesen Ansatz inzwischen auch in einer größeren Studie mit Jugendlichen. Das Projekt HOPA läuft von 2024 bis 2027 und wird vom Bundesforschungsministerium mit rund zwei Millionen Euro gefördert. Geprüft werden Wirksamkeit, Umsetzbarkeit und gesundheitsökonomische Aspekte von „In Würde zu sich stehen“ für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen.

Psychische Diagnose im Beruf

Zwei Männer unterhalten sich bei der Arbeit in einer Tischlerei

Am Arbeitsplatz verändert sich die Abwägung. Anders als in einer Freundschaft oder Partnerschaft geht es nicht nur um persönliche Nähe. Eine Offenlegung kann Einfluss auf Arbeitsbeziehungen, Aufgaben, Karrierechancen und den Zugang zu Unterstützung haben.

Aus Beobachtungsstudien weiß die Forschung: Die Entscheidung dazu wird vor allem von vier Bereichen beeinflusst, nämlich

  • wie Betroffene mögliche Nachteile einschätzen,
  • wie unterstützend das Arbeitsumfeld ist,
  • wie wichtig die Erkrankung für das eigene Selbstbild ist und
  • wem gegenüber sie sich öffnen möchten.

Für eine Offenlegung kann sprechen, dass Unterstützung am Arbeitsplatz gegebenenfalls erst möglich wird, wenn der Bedarf bekannt ist. Das kann für Anpassungen von Arbeitsbedingungen oder die Erklärung längerer Einschränkungen also relevant sein. Zudem entfällt möglicherweise ein Teil des Aufwands, Symptome oder Behandlungstermine zu verbergen.

Dem stehen Risiken gegenüber. Menschen können nach einer Offenlegung als weniger leistungsfähig, zuverlässig oder belastbar wahrgenommen werden. Die Forschung zeigt hier gemischte Ergebnisse: Einige Studien fanden Zusammenhänge zwischen Offenlegung und günstigeren Beschäftigungsergebnissen, andere nicht. Die Ergebnisse unterschieden sich je nach Arbeitsplatz und untersuchter Gruppe.

So weist eine Längsschnittstudie unter 301 arbeitslosen Menschen mit psychischen Problemen auf ein mögliches Risiko im Bewerbungsverfahren hin. Teilnehmende, die zu Beginn weniger bereit waren, einem möglichen Arbeitgeber von ihrer psychischen Erkrankung zu erzählen, hatten sechs Monate später häufiger wieder eine Stelle gefunden. Auch nach Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren blieb dieser Zusammenhang bestehen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Verschweigen grundsätzlich die bessere Entscheidung ist. Die Studie sagt nichts darüber aus, wie wohl sich die Betroffenen später an ihrem Arbeitsplatz fühlten oder welche Folgen die Entscheidung langfristig hatte

Deshalb ist auch im Beruf die Frage nach dem Adressaten wichtig. Einer vertrauten Kollegin etwas zu erzählen ist etwas anderes als ein Gespräch mit einer Führungskraft oder einer betrieblichen Stelle. Mit jeder zusätzlichen Person kann sich verändern, welche Unterstützung möglich ist, aber auch, wie weit sich eine Information verbreiten kann.

Muss der Arbeitgeber die Diagnose kennen?
Das Bundesarbeitsgericht hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Arbeitgeber grundsätzlich nur erfährt, dass eine Arbeitsunfähigkeit besteht und wie lange sie voraussichtlich dauert. Gesundheitsdaten und insbesondere Diagnosen sind besonders geschützt.

Mehr zu psychische Erkrankungen im Beruf

Kinder und Jugendliche in Schule, Ausbildung und Studium

Für Kinder und Jugendliche ist die Entscheidung über eine Offenlegung besonders komplex. Freundschaften und Zugehörigkeit haben in dieser Lebensphase große Bedeutung. Gleichzeitig haben Jugendliche häufig weniger Kontrolle darüber, welche Erwachsenen über ihre Erkrankung informiert werden. Eltern, Behandelnde, Schule oder Jugendhilfe können beteiligt sein.

Ein Junge geht in der Schule mit einem Basketball in der Hand durch den Gang, neben und hinter ihm sind andere Schülerinnen und Schüler zu sehen

Aus Befragungen ist bekannt, dass eine Offenlegung emotionale Unterstützung und Entlastung ermöglichen kann. Gleichzeitig nennen Kinder und Jugendliche Stigmatisierung und den möglichen Verlust von Freundschaften als Risiken. Die Mehrheit bevorzugte eine selektive Offenlegung.

Diese Ergebnisse sind wichtig, dürfen aber nicht überinterpretiert werden. Sie stammen aus einer Untersuchung mit 39 Jugendlichen. Das kann Erfahrungen und Entscheidungsprozesse sichtbar machen, aber nicht, wie häufig bestimmte Folgen auftreten oder welche Strategie im Durchschnitt die beste ist.

Dazu gibt es inzwischen eine weitere Studie. Sie zeigt erstmals, dass die positiven Effekte des Programms „In Würde zu sich stehen“ bei Jugendlichen auch fünf Monate nach Ende des Programms noch nachweisbar waren.

Schule, Ausbildung und Studium bringen außerdem institutionelle Fragen mit sich. Es kann Situationen geben, in denen Unterstützung, Nachteilsausgleiche oder andere Anpassungen benötigt werden. Dafür muss nicht zwangsläufig der gesamte soziale Kreis von einer Diagnose erfahren. Die Entscheidung gegenüber einer zuständigen Stelle ist von der Entscheidung gegenüber Mitschüler, Kommiliton:innen oder Freund:innen zu unterscheiden.

Mehr zu psychischen Erkrankungen in Schule, Ausbildung und Studium

Forschung heute

Die Forschung hat in den vergangenen Jahren einiges darüber herausgefunden, warum die Entscheidung über eine Offenlegung so schwierig sein kann. Aber es sind noch längst nicht alle Fragen geklärt.

Was wir wissen

Stigma beeinflusst Offenlegungsentscheidungen

Menschen berücksichtigen bei ihrer Entscheidung mögliche Vorurteile und Diskriminierung. Wer stärker mit negativen Reaktionen rechnet oder stärkeren Stigmastress erlebt, fühlt sich mit einer Offenlegung häufig weniger wohl.

Geheimhaltung kann belastend sein

Die Forschung findet relativ konsistente Zusammenhänge zwischen Geheimhaltung und ungünstigeren psychischen Ergebnissen wie mehr depressiven Symptomen, geringerem Wohlbefinden und geringerer Lebensqualität.

Offenlegung ist nicht automatisch hilfreich

Anders als bei Geheimhaltung sind die Befunde zu Offenlegung uneinheitlich. Entscheidend scheint unter anderem zu sein, wem sich jemand anvertraut und wie das jeweilige Umfeld reagiert.

Selektive Offenlegung ist ein wichtiger Mittelweg

Menschen entscheiden häufig nicht grundsätzlich für oder gegen Offenheit. Sie gehen in verschiedenen sozialen Situationen unterschiedlich mit Informationen über ihre Erkrankung um.

Selbststigma lässt sich beeinflussen

Für das Programm „In Würde zu sich stehen“ (IWS) liegen inzwischen mehrere randomisierte Studien vor. Eine deutsche Studie von 2026 zeigt einen kleinen, aber statistisch nachweisbaren Rückgang des Selbststigmas auch noch mehrere Monate nach der Intervention. Darüber hinaus verbesserten sich Lebensqualität, Recovery und depressive Symptome. Das spricht dafür, dass Unterstützung bei Offenlegungsentscheidungen nicht nur den Umgang mit Stigma erleichtern, sondern auch mit einer Verbesserung des psychischen Befindens verbunden sein kann.

Prof. Dr. Nicolas Rüsch

„Mit dieser Studie wissen wir, dass IWS unter Alltagsbedingungen wirksam und kosteneffizient ist und somit in klinischen und nicht klinischen Settings angeboten werden sollte, um Stigma und seine Folgen abzubauen.“

Was wir noch nicht wissen

Reaktionen lassen sich nicht vorhersagen

Statistische Zusammenhänge zeigen, wie Menschen im Durchschnitt reagieren. Sie sagen wenig darüber aus, wie sich ein bestimmter Freund, eine Vorgesetzte oder eine Lehrkraft verhalten wird.

Über langfristige soziale Folgen wissen wir vergleichsweise wenig

Besonders für berufliche Entwicklung, Partnerschaften, Freundschaften und soziale Teilhabe fehlen noch belastbare Langzeitstudien.

Die Forschung ist nicht für alle psychischen Erkrankungen gleich gut

Häufig werden Menschen mit sehr unterschiedlichen Diagnosen gemeinsam untersucht. Ob Offenlegungsentscheidungen bei Depression, Psychose, Angststörung, ADHS oder einer Persönlichkeitsstörung jeweils dieselben Bedingungen und Folgen haben, ist nicht ausreichend geklärt.

Für Kinder und Jugendliche ist die Evidenz noch begrenzter

Hier liegen qualitative Studien und erste Interventionsstudien vor. Größere Untersuchungen mit längerer Nachbeobachtung fehlen noch weitgehend.

Was folgt daraus für die eigene Entscheidung?

Stigma, soziale Normen und mögliche Folgen einer Offenlegung unterscheiden sich in verschiedenen Ländern, Bevölkerungsgruppen und Lebenswelten. Ergebnisse aus einem Kontext lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen.

Aus dem Forschungsstand lässt sich keine Empfehlung ableiten, eine Diagnose grundsätzlich offenzulegen oder grundsätzlich für sich zu behalten.

Entscheidend ist nicht nur, ob jemand etwas erzählt. Ebenso wichtig sind die Fragen, wem die Information anvertraut wird, was genau erzählt werden soll und welche Folgen in dieser Situation möglich sind.

Es kann einen erheblichen Unterschied machen, ob jemand die genaue Diagnose nennt oder lediglich erklärt, dass er psychisch belastet ist. Ebenso kann eine Person gegenüber der Familie offen sein und am Arbeitsplatz zurückhaltend. 

Die wissenschaftliche Evidenz spricht weder für möglichst viel Offenheit noch für möglichst konsequente Geheimhaltung. Sie spricht dafür, Menschen darin zu unterstützen, mit den Chancen und Risiken einer Offenlegung selbstbestimmt und abhängig von der jeweiligen Situation umzugehen.

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Quellen

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Letzte Aktualisierung der Inhalte: Oktober 2026