Wenn Schulalltag stärkt – und wenn er belastet

Schule ist eine zentrale Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie verbringen dort einen großen Teil ihres Alltags, erleben Leistungsanforderungen, Beziehungen zu Gleichaltrigen und Erwachsenen, Anerkennung, Konflikte, Zugehörigkeit oder Ausgrenzung. Forschung zu psychischer Gesundheit zeigt, dass solche Erfahrungen nicht nebensächlich sind: Sie können Schutz- oder Risikofaktoren sein.

Dabei ist ein Blick auf den Alltag der Schüler:innen auch außerhalb des Unterrichts wichtig. Denn aktuelle deutsche Daten zeigen, dass viele Kinder und Jugendliche psychisch belastet sind. 

Aber wer über ausgeprägte persönliche, familiäre und soziale Ressourcen verfügt, zeigte in einer Studie ein deutlich geringeres Risiko für eingeschränkte Lebensqualität, psychische Auffälligkeiten, Angstsymptome und depressive Symptome.

Diese Seite fragt deshalb nicht nur: Welche Probleme können in der Schule auftreten oder auffallen? Sondern auch: Welche Bedingungen schützen? Was weiß die Forschung über Zugehörigkeit, Unterstützung, Leistungsdruck, Mobbing, Schulabsentismus und familiäre Vorbelastungen? Und was bedeutet das für Schülerinnen und Schüler, Eltern und Schule?

Wie geht es Schülerinnen und Schülern heute?

Aktuelle deutsche Daten zeigen, dass viele Kinder und Jugendliche psychisch belastet sind. In der COPSY-Längsschnittstudie berichtete im Herbst 2024 ein gutes Fünftel (21 Prozent) von einer geminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität, 22 Prozent zeigten psychische Auffälligkeiten und 23 Prozent Angstsymptome. Nach der akuten Pandemiephase hatte sich die Lage zunächst etwas verbessert. Bis Herbst 2024 setzte sich diese Erholung aber nicht weiter fort; die psychische Gesundheit blieb unter dem Niveau vor der Pandemie.

Die Probleme sind nicht gleich verteilt. Kinder und Jugendliche waren psychisch stärker belastet, wenn die elterliche Bildung niedriger war oder Eltern selbst psychische Probleme hatten. Umgekehrt wirkten persönliche, familiäre und soziale Ressourcen deutlich schützend. Dazu gehörten zum Beispiel Eltern oder andere Bezugspersonen, die zuhören und unterstützen, Freund:innen, mit denen man über Probleme sprechen kann, und die Erfahrung, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Wer über solche Ressourcen verfügte, hatte ein geringeres Risiko für eine geminderte Lebensqualität, psychische Auffälligkeiten, Angst- und depressive Symptome.

Für die Schule heißt das: Sie kann familiäre Krisen oder psychische Erkrankungen nicht allein abfedern. Aber sie kann viel dazu beitragen, dass Belastungen früh auffallen und Jugendliche Unterstützung bekommen. Verlässliche Beziehungen, ein gutes Klassenklima, klare Orientierung und erreichbare Ansprechpersonen können entlasten. Lehrkräfte und andere Bezugspersonen können Veränderungen wahrnehmen, Gespräche anbieten und bei Bedarf den Weg zu weiterer Hilfe ebnen. 

Was weiß die Forschung über Schutzfaktoren?

Für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, dass sie Halt finden können. Die COPSY-Auswertung 2020 bis 2024 beschreibt persönliche, familiäre und soziale Ressourcen als schützend. Dazu gehören Selbstvertrauen, Unterstützung in der Familie, verlässliche Beziehungen und soziale Einbindung. Je ausgeprägter solche Schutzfaktoren waren, desto geringer war für Kinder und Jugendliche das Risiko für eingeschränkte Lebensqualität, psychische Auffälligkeiten, Angstsymptome und depressive Symptome.

Die COPSY-Studie (Corona und Psyche) ist eine bundesweite Längsschnittstudie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Sie untersucht die seelische Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Schutzfaktor Schulverbundenheit

Neben der familiären Situation ist auch die schulische bedeutend. Ein gut untersuchter schulischer Schutzfaktor ist Schulverbundenheit, in der englischsprachigen Forschung wird sie als school connectedness bezeichnet. Gemeint ist, dass Schülerinnen und Schüler sich in der Schule akzeptiert, unterstützt, sicher und zugehörig fühlen. Studien zeigen, dass eine stärkere Schulverbundenheit in Längsschnittstudien meist mit weniger späteren depressiven und angstsymptomatischen Beschwerden verbunden war.

Für Eltern und Schüler:innen heißt das, dass für ein sicheres Gefühl in der Schule Noten nicht das einzige Kriterium sind. Wichtige Aspekte sind auch: Fühlt sich ein Kind in der Klasse sicher? Gibt es Freundschaften oder wenigstens eine verlässliche Bezugsperson? Hat ein Kind das Gefühl, in der Schule Unterstützung zu bekommen? Gibt es eine Lehrkraft, Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie, an die es sich selbst oder die Eltern sich wenden können? Sind die Fachleute kompetent, schwierige Situationen oder sogar Krisen in der Schule zu handeln?

Was weiß die Forschung über Risikofaktoren?

Aus dem privaten Umfeld

Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen entstehen selten aus einem einzigen Grund. Die Forschung beschreibt ein Zusammenspiel aus persönlichen Voraussetzungen, familiären und sozialen Bedingungen sowie Erfahrungen im Alltag. Ein höheres Risiko zeigt sich zum Beispiel, wenn Eltern selbst psychisch belastet sind, Familien finanziell oder sozial stark unter Druck stehen oder Kinder belastende Ereignisse erleben, etwa Trennung, Krankheit, Konflikte, Arbeitslosigkeit, Gewalt oder Vernachlässigung. Die COPSY-Studie beschreibt niedrigere elterliche Bildung und psychische Probleme der Eltern als Risikofaktoren; die BELLA-Kohortenstudie zeigt ergänzend Zusammenhänge zwischen sozioökonomischer Lage, belastenden Lebensereignissen und psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen. Manche Kinder bringen auch neuroentwicklungsbezogene Besonderheiten oder Störungen mit, etwa ADHS oder Autismus. Der Schulalltag kann beeinflussen, wie stark Schwierigkeiten sichtbar werden und ob zusätzliche Probleme hinzukommen.

Die BELLA-Studie (Befragung zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten) ist das zentrale Modul zur psychischen Gesundheit und Lebensqualität der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts.

Aus dem schulischen Umfeld

Die Forschung beschreibt mehrere schulische Belastungen, die die psychische Gesundheit beeinflussen. Dazu gehören Leistungsdruck, Prüfungsstress, Mobbing, Cybermobbing, soziale Ausgrenzung, konflikthafte Beziehungen, beschämende Erfahrungen, unklare Erwartungen und fehlende Unterstützung. Solche Faktoren wirken allerdings nicht bei allen Kindern gleich. Entscheidend ist, wie stark sie sind, wie lange sie anhalten und ob Kinder und Jugendliche damit allein bleiben.

Leistungsdruck ist gut untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit zu akademischem Druck und psychischer Gesundheit bei Jugendlichen fand Zusammenhänge mit Depression, Angst, Selbstverletzung und Suizidalität. Leistungsanforderungen sind jedoch nicht automatisch schädlich. Problematisch wird es vor allem, wenn Druck dauerhaft wird, mit Versagensangst verbunden ist und kaum Unterstützung oder Erholung möglich ist.

Mobbing ist ein besonders gut belegter Risikofaktor. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Mobbing-Viktimisierung und depressiven Symptomen bei Kindern und Jugendlichen. Mobbing ist deshalb nicht als normaler Streit oder übliche Härte unter Gleichaltrigen zu verharmlosen. Es kann den Schulalltag zu einem Ort von Angst, Scham und dauerhafter Anspannung machen. Psychische Probleme können übrigens nicht nur die Kinder und Jugendlichen haben, die Opfer von Mobbing sind. Auch die Täter:innen zeigen mehr depressive Symptome. Am stärksten sind Kinder und Jugendliche betroffen, die Opfer und Täter sind.

Schulabsentismus, also häufiges Fehlen, ist in den meisten Fällen ein Symptom. Es kann viele Ursachen haben: Angst vor Bewertung, depressive Symptome, Mobbing, familiäre Belastungen, Überforderung oder Konflikte in der Schule. Es kann kurz gesagt darauf hinweisen, dass Schule als nicht mehr bewältigbar erlebt wird. Je länger solche Vermeidung anhält, desto schwieriger kann die Rückkehr in den Schulalltag werden.

Spotlight Forschung

Das sagt die Forschung zu Mobbing

Eine 2023 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 31 Studien mit insgesamt 133.688 Kindern und Jugendlichen aus. Sie unterschied dabei zwischen drei Gruppen:

- Opfer: werden gemobbt, ohne selbst zu mobben
- Täter:innen: mobben andere, ohne selbst Opfer zu sein
- Täter-Opfer („bully-victims“): werden selbst gemobbt und mobben gleichzeitig andere.

Das Ergebnis: Gegenüber nicht beteiligten Kindern und Jugendlichen war das Risiko für depressive Symptome bei Opfern etwa 2,77-mal, bei Täter:innen etwa 1,73-mal und bei Täter-Opfern etwa 3,19-mal so hoch. Die Gruppe, die sowohl Täter:innen als auch Opfer ist, war damit am stärksten belastet.

Wichtig ist eine wissenschaftliche Einschränkung: Die 31 Studien dieser Meta-Analyse waren Querschnittsstudien. Daraus kann man einen deutlichen Zusammenhang erkennen, aber nicht ohne Weiteres ableiten, dass Mobbing allein die Depression verursacht. Möglicherweise bestehen auch Wechselwirkungen, psychische Probleme können beispielsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in Mobbingdynamiken hineinzuraten, während Mobbingerfahrungen wiederum psychische Probleme verstärken können. 

Eine aktuelle deutsche Studie am DZPG-Standort Bochum-Marburg mit 719 Kindern und Jugendlichen aus einer psychotherapeutischen Ambulanz zeigt zudem, dass Mobbing mit einem breiteren Spektrum psychischer Belastungen zusammenhängt. Dabei unterschieden sich die Belastungsmuster zwischen Opfern, Täter:innen und Jugendlichen, die sowohl gemobbt wurden als auch selbst mobbten.

Was folgt daraus für Kinder, Jugendliche, Eltern und Schule?

Schule ist ein wichtiger Ort der Früherkennung. Psychische Symptome und soziale Risiken können dort sichtbar werden: durch Rückzug, häufiges Fehlen, Leistungsabfall, starke Angst vor Bewertung, Konflikte, Erschöpfung, Selbstverletzung oder zunehmende Schulvermeidung. 

Entscheidend sind Dauer, Stärke und Folgen für den Alltag. Wenn sich ein Kind über Wochen deutlich verändert, nicht mehr zur Schule gehen will, sich zurückzieht, stark ängstlich oder niedergeschlagen wirkt, schlechter schläft, sich selbst verletzt oder Substanzen konsumiert, sollte Unterstützung gesucht werden. Dabei geht es nicht darum, sofort eine Diagnose festzulegen. Im ersten Schritt steht die Frage, welche Versorgung hilfreich sein kann.

Für Schulen heißt das: Psychische Gesundheit betrifft nicht nur einzelne Kinder. Auch schulische Bedingungen spielen eine Rolle. Forschung zu Schulverbundenheit, Mobbing, Leistungsdruck und Schulabsentismus zeigt, dass Zugehörigkeit, verlässliche Beziehungen, Schutz vor Beschämung, klare Orientierung und erreichbare Unterstützung wichtig sind. Schulen können dazu beitragen, dass Warnzeichen nicht übersehen, Kinder nicht zusätzlich beschämt und Wege in Hilfe nicht unnötig erschwert werden.

Aus der Versorgungsforschung folgt zudem, dass Hilfe erreichbar und anschlussfähig sein sollte. Viele Kinder, Jugendliche und Familien beginnen nicht mit einer Psychotherapie oder kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung, sondern mit einer ersten Ansprechperson wie einer vertrauten Lehrkraft, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Kinder- und Jugendärzt:innen, Hausarztpraxis oder Beratungsstelle. Aus dieser ersten Klärung kann ein nächster Schritt folgen. Die einen brauchen vielleicht Psychotherapie, die anderen einen Nachteilsausgleich in der Schule.

Wann sofort Hilfe nötig ist

Sofortige Hilfe ist nötig, wenn ein Kind oder Jugendlicher akut gefährdet ist oder nicht sicher allein bleiben kann. Das gilt besonders bei konkreten Suizidgedanken oder Suizidplänen, schwerer Selbstverletzung, akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, Gewalt, Missbrauch oder dem Verdacht, dass ein Kind nicht geschützt ist.

Wichtig ist, das Kind oder den Jugendlichen nicht allein zu lassen und sofort Unterstützung einzubeziehen. Bei unmittelbarer Gefahr gilt: Rettungsdienst 112 oder Polizei 110. In dringenden psychischen Krisen können außerdem kinder- und jugendpsychiatrische Notaufnahmen, regionale Krisendienste, der ärztliche Bereitschaftsdienst oder die nächste Klinik weiterhelfen.

Für ergänzende Beratung, wenn keine unmittelbare Gefahr besteht, können Kinder und Jugendliche die Nummer gegen Kummer unter 116 111 erreichen; die Telefonseelsorge ist unter 116 123 rund um die Uhr erreichbar. 

Youth Mental Health im DZPG

Die Youth-Mental-Health-Infrastruktur des DZPG bündelt Forschung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie richtet den Blick auf frühe Belastungen, Prävention, Versorgung und die Lebenswelten, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Dazu gehören Familien, Schulen, Kitas, Jugendhilfe und Gesundheitsversorgung. Denn Kindheit und Jugend sind zentrale Lebensphasen für Prävention und frühe Unterstützung.

Spotlight Forschung: Urban Mental Health

Das DZPG-Flagship-Projekt Urban Mental Health untersucht psychische Gesundheit in städtischen Lebenswelten. Psychische Gesundheit ist nicht nur in der Behandlung relevant, sondern auch dort, wo Belastungen für Kinder und Jugendliche entstehen oder abgefedert werden können – im Alltag, in Familien, Schulen, Kitas und Beratungsstrukturen.

Quellen

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Letzte Aktualisierung der Inhalte: Oktober 2026