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Warum haben Kinder und Jugendliche heute häufiger Angst?

Eine Studie aus 70 Ländern zeigt: Wo Gemeinschaft und Halt im Alltag schwinden, treten Angststörungen häufiger auf.

Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen seit Jahren zu. Ein Forschungsteam am DZPG-Standort Bochum–Marburg hat Daten aus 70 Ländern ausgewertet und einen Hinweis gefunden: Wo Religiosität an Bedeutung verliert, treten Angststörungen häufiger auf. Was heißt das für Familien?

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Angststörungen betroffen, und das nicht nur in Deutschland. Schätzungen zufolge nehmen sie weltweit seit Jahren zu. Gleichzeitig haben sich in vielen Gesellschaften die Vorstellungen davon verändert, wie Kinder sein und was sie lernen sollen. Forschende am DZPG-Standort Bochum–Marburg sind deshalb der Frage nachgegangen, ob beides zusammenhängt.

Wie wurde das untersucht?

Das Team wertete Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten aus, die den Zeitraum von 1989 bis 2022 abdecken. Es verknüpfte internationale Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen mit umfangreichen Kulturdaten, unter anderem aus dem World Values Survey und der Global Burden of Disease Study. So ließ sich nachvollziehen, wie sich veränderte Erziehungsziele und das Auftreten von Angststörungen über drei Jahrzehnte hinweg zueinander entwickelt haben.

„Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert", sagt Erstautor Leonard Kulisch. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen."

Was haben die Forschenden gefunden?

Über alle Kontinente hinweg zeigte sich: Wo Religiosität in der Erziehung an Bedeutung verliert, treten Angststörungen bei jungen Menschen häufiger auf. Von allen untersuchten Faktoren war dieser der wichtigste.

Eine mögliche Erklärung: Religiosität fördert das Gefühl der Zugehörigkeit und gibt dem Leben eine Richtung. Fällt diese Ressource weg, kann eine Lücke entstehen. Familien sind dann möglicherweise einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und feste Routinen im Alltag gehen verloren. Genau solche Voraussetzungen sind aber wichtig dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen.

Was bedeutet das für Familien?

Entscheidend ist nicht der Glaube selbst, sondern das, was er oft mit sich bringt: Gemeinschaft, Halt und Sinn. Die Ergebnisse legen nahe, dass gerade in Gesellschaften, in denen Religion eine kleinere Rolle spielt, neue Wege gefunden werden sollten, um Verbundenheit zu stärken. Das kann innerhalb der Familie geschehen, aber auch durch Vereine, Gruppenaktivitäten oder ehrenamtliches Engagement. Auch Kitas und Schulen spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kindern soziale Einbindung und Gemeinschaft zu ermöglichen.


Originalpublikation: Kulisch LK, Domínguez Rojas AL, Schneider S, Voigt B. Global Cultural Change and Anxiety in Children and Adolescents: Analyzing Socialization Goals Over Three Decades in 70 Countries. Dev Sci. 2026 May;29(3):e70157. doi: 10.1111/desc.70157.

Quelle: Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum

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